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Schwarze Lebensrealitäten in Rostock – Die Familie Bruce

Rea Brändle folgt in ihrem 2007 erschienenen Buch „Nayo Bruce. Geschichte einer afrikanischen Familie in Europa“ dem außergewöhnlichen Leben von Nayo Bruce und seinenKindern über mehr als 100 Jahre hinweg. Auf ihrer Reise durch Europa machte die Familie hier in Warnemünde Halt. Ihre Geschichte gibt uns die Möglichkeit einen Einblick in die Lebensrealität von People of Color (PoC) in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland zu bekommen.

Nayo Bruce und seine „Völkerschau!-Truppe bei der ersten Deutsche Kolonial-Ausstellung 1897 (Quelle: Bildarchiv der Deutschen Kolonialgesellschaft, Universitätsbibliothek
Frankfurt am Main, Bildnummer: 101,3501-0)

Nayo Bruce

Nayo Bruce wurde 1859 im heutigen Togo geboren. Er stammte aus einer herrschenden Schicht und besuchte eine Missionsschule von Bremer Missionaren. Aufgrund seiner Begabung für Sprachen arbeitete er als Dolmetscher für die britische Kolonialverwaltung. 1896 erfüllte er sich seinen Wunsch und reiste anlässlich der Ersten Deutschen Kolonialausstellung in Berlin als Darsteller in einer der damals weit verbreiteten „Völkerschauen“ nach Berlin. Gegen Widerstände gelang es ihm, in Deutschland bleiben zu können und schließlich sogar Leitereiner eigenen Schauspieltruppe zu werden, mit welcher er bis zu seinem Tod 1919 in 222 Städten in ganz Europa mit Stücken auftrat. 1902 spielte seine „Togomandigo“-Gruppe im Hotel Schumacher in Warnemünde. Bei dieser Gelegenheit gab Nayo Bruce seinen Sohn Pietro Bruce und 2 Jahre später auch dessen jüngere Halbschwester Regina bei Baron George von Fircks in Obhut.

Nayo Bruce auf dem Cover des Buches „Nayo Bruce – Geschichte einer afrikanischen Familie in Europa“ von Rea Brändle erschienen im Chronos Verlag

Regina Bruce

Regina und Pietro wuchsen bei den Fircks in Warnemünde und Riga auf. Es war der Wunsch Reginas, als Lehrerin tätig zu werden, als Schwarze Frau hatte sie jedoch kaum Chancen auf eine Anstellung an einer deutschen Schule. Deshalb ließ sie sich 1926 zusammen mit ihren jüngeren Schwestern Annie und Lisa Bruce zur Missionarin ausbilden. Regina Bruce war jedoch europäisch sozialisiert und bewegte sich nicht selbstverständlich in Togo, was zu Konflikten mit der Missionsleitung führte. Die Situation eskalierte, als sie 1928 unehelich schwanger wurde. Der Vater Jonathan Savi de Tové war selbst Lehrer an der Bremer Missionsschule in Togo. Regina Bruce wurde als schlechtes Vorbild entlassen. Savi de Tové kündigte daraufhin selbst, Annie und Lisa Bruce wollten nach Deutschland zurückkehren. Dies versagte ihnen die Bremer Mission mit der Begründung, in Deutschland würden sie von niemandem angestellt werden. Savi de Tové engagierte sich anschließend immer mehr in der Unabhängigkeitsbewegung und überließ Regina Bruce die Betreuung der fünf Kinder allein. Nach der Unabhängigkeit Togos arbeitete er als Botschafter in der alten Bundesrepublik in Bonn, wohin ihn Regina Bruce begleitete. Nach dem Putsch 1963 in Togo fanden er und Regina Bruce in Deutschland Asyl. Regina Bruce begann als Vorsitzende des Roten Kreuzes für Togo zu arbeiten. Beide zogen jedoch wieder zurück nach Togo. Ihr jüngster Sohne Jean-Lucien Savi de Tové war von 2005 bis 2007 Minister für Handel und Handwerk der Republik Togo.

Pietro Bruce

Anders als seine Schwester blieb Pietro Bruce Zeit seines Lebens in Deutschland. Mit 20 Jahren begann er als Schauspieler kleinere Rollen in Filmen wie „Das Gasthaus von Chicago“ zu übernehmen. Schließlich erfüllte er sich seinen Traum und arbeitete als Koch in Berlin, nachdem er eine Ausbildung in einem der besten Hotels in Rostock absolviert hatte. Hierbei war Pietro Bruce so erfolgreich, dass er schließlich ein eigenes Hotel auf Rügen eröffnen konnte. Nachdem im Zuge der Wirtschaftskrise Anfang der 30er Jahre die Gäste ausblieben, musste Pietro Bruce das Hotel 1933 schließen. Anschließend fand er Anstellung im Hotel Ostseeblick in Heringsdorf als Küchenmeister, wurde jedoch bald wieder entlassen, da die Stammkunden des Lokals keinen Schwarzen Koch akzeptieren wollten. Pietro konnte zwar als Koch in Berlin weiterarbeiten, zog sich nach dem Tod seiner Frau Charlotte, die sich – vermutlich aus Angst vor weiteren Diskriminierungen – das Leben nahm, jedoch immer weiter zurück. Am 16. Mai 1949 nahm sich auch Pietro Bruce das Leben.

Die Lebensgeschichten der Drei zeigen Handlungsspielräume und -grenzen für PoC Anfang des 20. Jahrhunderts. Alle hatten sie mit den spezifischen Widerständen, mit denen PoC konfrontiert waren, zu kämpfen und schafften es dennoch sich gegen diese zu behaupten. So war ökonomische Selbstständigkeit für Schwarze Menschen damals keine Selbstverständlichkeit. Jedoch war es ihnen nicht möglich, sich aus kolonialistischen Bezügen zu lösen. So reproduzierte auch Nayo Bruce in seinen „Völkerschauen“ die weit verbreiteten rassistischen, auf sein Publikum zugeschnittenen Stereotype.

Auch wenn sich die Situation von PoC verbessert hat, sind diese auch heute noch in Deutschland mit kolonialen Denkstrukturen und rassistischen Stereotypen konfrontiert. Deswegen haben sich an vielen Orten in Deutschland Initiativen von PoC gegründet, so auch in Rostock die Initiative Schwarzer Rostocker*innen.

Quellen und zum Nachlesen

Zum Weiterlesen

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