Konrad Adenauer (1876-1967)

(Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F078072-0004 / Katherine Young / CC BY-SA 3.0 DE, Konrad Adenauer 1952 Portrait (3×4 cropped), Zuschnitt durch Autor*in, CC BY-SA 3.0 DE)
Nach welchen Kriterien werden Straßennamen vergeben? Wer bekommt ein Denkmal? In der Regel gilt, dass die zu ehrende Person besondere Verdienste vorweisen muss. Gleichzeitig signalisiert die Ehrung, nach welchen Werten und Normen die Stadt das Zusammenleben gestalten möchte. Denkmäler und Straßennamen schaffen einen Bezug zur (lokalen) Geschichte und sollen das kollektive Selbstverständnis der Stadtgemeinschaft widerspiegeln.
Weil sie uns also zeigen, an wem sich orientiert werden kann oder soll, erscheint es doch umso wichtiger zu wissen und auch kritisch zu hinterfragen: wer genau waren die geehrten Personen und wofür werden sie geehrt?
Allgemeines
Konrad Adenauer war von 1949 bis 1963 der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. In der Weimarer Republik wurde er als Oberbürgermeister Kölns bekannt. Mit dem Nationalsozialismus versuchte er sich anfangs zu arrangieren, fiel dort aber schließlich in Ungnade. Dies war auch ein Grund dafür, dass man ihn 1949 zum ersten Bundeskanzler wählte. In diesem Amt setzte er sich für die Westbindung der BRD ein, für die Verständigung europäischer Staaten und für ein starkes NATO-Bündnis. Ihm wird außerdem das Abkommen zur Rückführung deutscher Kriegsgefangener aus der Sowjetunion 1955 zugeschrieben.
Ortsbezug
Der Konrad-Adenauer-Platz befindet sich vor dem Haupteingang des Hauptbahnhofes. Bis zum Ende der DDR trug er keinen Namen. Als symbolisches Entgegenkommen zur Wiedervereinigung entschloss sich die Bürgerschaft 1992 im dritten Anlauf, den ersten Kanzler der BRD für seine historischen Verdienste zu würdigen. Zu dem Zeitpunkt war Rostock die erste größere Stadt in der ehemaligen DDR, die einen solchen Schritt unternahm. Die Abstimmung fiel denkbar knapp aus, mit 42 zu 39 Stimmen. (vgl. Sonnevend 1995, S. 12)
Mit Adenauer wurden im Stadtteil Dierkow zugleich auch Theodor Heuss (FDP) als erster Bundespräsident und Kurt Schumacher (SPD) als erster Oppositionsführer der BRD geehrt. „Mit dieser Maßnahme sollten […] die unsterblichen Leistungen der Gründungsväter einer stabilen Demokratie und einer wettbewerbsfähigen sozialen Marktwirtschaftsordnung, deren Vorzüge wir durch unseren freiwilligen Beitritt in das Werk dieser Staatsmänner unterstrichen haben […] gewürdigt werden“, hieß es aus dem „Zeitweiligen Ausschuss zu Ehrenbürgerschaft und Umbenennung von Straßennamen“. (Sonnevend 1995, S. 12) Mögliche koloniale Verbindungen haben bei Adenauers Ehrung also keine Rolle gespielt.

Kritische Einordnung
Von 1931 bis 1933 war Adenauer Vizepräsident der Deutschen Kolonialgesellschaft. Sie wurde 1887, in der Hochphase des deutschen , gegründet. Sie kann als Propagandainstrument von Intellektuellen bezeichnet werden, das „alle Parteien im Deutschen Reiche für die deutschkoloniale Sache zu gewinnen“ (Deutsche Kolonialgesellschaft 1913, S. 1) versuchte. Neben der Herausgabe des Kleinen Deutschen Kolonialatlasses und der Deutschen Kolonialzeitung machte sich die Gesellschaft durch Ausstellungen oder die Organisation von „Völkerschauen“ in Zoos einen Namen. 1914 zählte sie 43.000 Mitglieder, was ihr einen beträchtlichen Einfluss bescherte.
Nachdem Deutschland 1919 mit dem Versailler Vertrag seine Kolonien endgültig verlor, erhielt die Bewegung einen neuerlichen Auftrieb. Die Rückgewinnung der Kolonien sollte nun auch den im Krieg verlorenen Nationalstolz wiederherstellen. „Die verlorenen Gebiete existierten als ‚Phantasiereiche‘ weiter und scheinen nie so populär gewesen zu sein wie nach ihrem Verlust“, schreibt Anne-Kathrin Horstmann. (Horstmann 2013, S. 198)
Zu dieser Zeit wandte auch Adenauer sich der kolonialen Frage zu. 1927 gab er in der Zeitschrift ‚Europäische Gespräche‘ folgendes zu Protokoll: „Das Deutsche Reich muss unbedingt den Erwerb von Kolonien anstreben. Im Reiche selbst ist zu wenig Raum für die große Bevölkerung. […] Wir müssen für unser Volk mehr Raum haben und darum Kolonien.“ (Konrad Adenauer zit. n. Horstmann 2013, S. 197) Diese Haltung wurde am 29. Mai 1931 in Berlin gewürdigt, als die Deutsche Kolonialgesellschaft Adenauer zu ihrem Vizepräsidenten wählte. Die bis dahin aus ehemaligen Gouverneuren bestehende Führungsebene wollte die Organisation breiteren Kreisen öffnen, weshalb der Politiker Adenauer als gute Partie erschien. Man war überzeugt, dass er sich mit diesem Mandat „in Zukunft nun erst recht für Deutschlands Kolonialwünsche einsetzen wird“. (Übersee- und Kolonialzeitung zit. n. Horstmann 2013, S. 200) Dieser Erwartung wurde Adenauer gerecht, der sich darum bemühte, regelmäßig zu den Vorstandssitzungen zu reisen. Zudem unterstützte er etwa eine Afrika-Expedition der kirchlichen Missionsverkehrsgemeinschaft finanziell.
Den wohl größten Auftritt in für die koloniale Sache hatte er bei einer Kolonialkundgebung am 28. November 1931 in Köln. Vor gefüllter Halle setzte er sich gegen die „Kolonialschuldlüge“ der Alliierten nach dem Ersten Weltkrieg zur Wehr. Mit dem Vorwurf der gewalttätigen, unzivilisierten deutschen Kolonialherrschaft hätten diese Deutschland zu Unrecht seine Kolonien abgesprochen. Er bemängelte den Umstand, dass man Kleinststaaten wie Belgien, Holland oder Portugal „riesige Kolonialräume mit Millionen von Eingeborenen anvertraue, dem größten Volk Europas aber, den 60-80 Millionen Deutschen, jeden Raum zur freien Entfaltung seiner Kräfte verweigere, ja uns Deutsche […] von der großen Kulturaufgabe der Leitung und Erziehung der unmündigen Völker […] ausschließe unter der diffamierenden und diskriminierenden Begründung, wir seien zu dieser hohen Aufgabe unfähig und ihrer unwürdig.“ (Konrad Adenauer zit. n. Horstmann 2013, S. 201)
Noch bevor Adenauer 1934 die große „Deutsche Kolonialausstellung“ in Köln eröffnen konnte, wurde er seines Amtes enthoben. Mit dem voraussichtlichen Ende seiner politischen Karriere endeten auch seine kolonialen Bestrebungen abrupt. Als er nach 1945 wieder politische Ämter aufnahm, spielten sie endgültig keine Rolle mehr – auch, weil die politische Realität nun eine ganz andere war. Adenauers Weltbild änderte das jedoch nicht. In einer Kabinettssitzung am 16. Januar 1957 äußerte der damalige Bundeskanzler, er „sei er von Deutschen, die in Afrika wohnten, und von Albert Schweitzer wiederholt darauf hingewiesen worden, daß die Entwicklung der schwarzen Bevölkerung noch nicht so weit fortgeschritten sei, daß man sie sich selbst überlassen könnte. Die Schwarzen bedürften noch immer gewisser Lenkung.“ (Kahlenberg 1957)
Konrad Adenauer wird als ein Staatsmann erinnert, der sich für die Völkerverständigung auf Augenhöhe eingesetzt hat. Dies mag im europäischen Kontext gelten, im kolonialen aber kaum. Die angestrebte „Zivilisierung“ kolonisierter Völker basiert auf einem Menschenbild, das von der Ungleichwertigkeit der Menschen ausgeht. Alleine den Kriegen Deutschlands gegen die OvaHerero, Nama (beide Deutsch-Südwestafrika) und die Maji-Maji-Bewegung (Deutsch-Ostafrika) sind zwischen 250.000 und 400.000 Menschen zum Opfer gefallen. Sie waren der Preis der „Zivilisierung“, welche Adenauer so sehnlichst fortsetzen wollte. Bei all seinen Verdiensten ist es notwendig, auch diese Seite des ‚größten Deutschen aller Zeiten‘[1] zu beleuchten, um ein umfassendes und ausgewogenes Bild dieser Persönlichkeit zu erhalten.
1. Adenauer wurde 2003 in einer ZDF-Umfrage mit ca. 1,5 Millionen Teilnahmen auf Platz 1 der „100 größten Deutschen“ gewählt.
Wen wollen wir ehren?
Sollten Denkmäler mit problematischen Hintergründen abgebaut werden oder auf Gedenktafeln eine kritische Auseinandersetzung stattfinden? Sollten Straßennamen umbenannt werden, zugunsten von Widerstandskämpfer*innen gegen den europäischen ?
Es gibt heute zahlreiche städtische Initiativen, die sich genau dafür einsetzen, z.B. wenn dort noch heute Kolonialherren geehrt werden – etwa in Berlin, Hamburg, oder Freiburg. Du kannst dich darüber informieren, diese Initiativen unterstützen oder überlegen, wie du beispielsweise selbst als Teil der Initiative Rostock Postkolonial Veränderungen anstoßen könntest.
Straßennamen-Memory
Hast du aufgepasst und kannst alle Straßennamen ihren Namensgeber*innen zuordnen?
Tipp: Unter der Kategorie „Straßennamen / Denkmäler“ findest du weitere Personen. (Werden aktuell noch ergänzt)
Quellen / Literaturangaben
Archiv der Hansestadt Rostock (1995): Lexikon Rostocker Straßennamen – Mit Angaben zum Bebauungszeitraum und einer Konkordanz für historische Straßennamen. Rostock: Schmidt-Römhild.
Deutsche Kolonialgesellschaft (1913): Satzungen der Deutschen Kolonialgesellschaft, in: Staatsbibliothek zu Berlin. URL: https://digital.staatsbibliothek-berlin.de/werkansicht?PPN=PPN819575976&PHYSID=PHYS_0004&DMDID= [Letzter Zugriff: 18.09.2025].
Horstmann, Anne-Kathrin: „Das deutsche Volk braucht Kolonien“ – Konrad Adenauer und der Kolonialrevisionismus, in: Bechhaus-Gerst, Marianne; Horstmann, Anne-Kathrin (Hrsg. / 2013): Köln und der deutsche – Eine Spurensuche. Köln/Weimar/Wien: Böhlau. S. 197-204.
Kahlenberg, Friedrich (Hrsg./1957): 167. Kabinettssitzung (Fortsetzung) am Mittwoch, den 16. Januar 1957 – TOP 3, in: Die Kabinettsprotokolle der Bundesregierung, Bd. 10 / 1957. Koblenz: Bundesarchiv. URL: https://kabinettsprotokolle.bundesarchiv.de/protokoll/a13b542a-a921-4e31-93f4-3f42f219443b#K321-23a-4b2 [Letzter Zugriff: 09.09.2026].
Sonnevend, Ádám (1995): Adenauer erst im dritten Anlauf nach Rostock, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.03.1995, Nr. 54, S. 12, in: Frankfurter Allgemeine Archiv. URL: https://fazarchiv.faz.net/document?id=FAZ__42d4e28d9df62dfc0df42de0366a457057aa5647 [Letzter Zugriff: 23.07.2026].
Westdeutscher Rundfunk (2012): 19. Dezember 1887 – Deutsche Kolonialgesellschaft gegründet. URL: https://www1.wdr.de/stichtag/stichtag-624.html [Letzter Zugriff: 19.09.2025].
Bildquellen:
Young, Katherine (1952): Porträt von Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer. Wikimedia Commons. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Konrad_Adenauer_1952_Portrait_(3x4_cropped).jpg
Änderungshistorie
22.07.2026: Station erstellt, Autor*in: Rostock Postkolonial
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