Nach welchen Kriterien werden Straßennamen vergeben? Wer bekommt ein Denkmal? In der Regel gilt, dass die zu ehrende Person besondere Verdienste vorweisen muss. Gleichzeitig signalisiert die Ehrung, nach welchen Werten und Normen die Stadt das Zusammenleben gestalten möchte. Denkmäler und Straßennamen schaffen einen Bezug zur (lokalen) Geschichte und sollen das kollektive Selbstverständnis der Stadtgemeinschaft widerspiegeln.
Weil sie uns also zeigen, an wem sich orientiert werden kann oder soll, erscheint es doch umso wichtiger zu wissen und auch kritisch zu hinterfragen: wer genau waren die geehrten Personen und wofür werden sie geehrt?
Allgemeines
Carl von Linné, eigentlich Carl Nilsson Linnæus, war ein schwedischer Naturforscher. Seine Forschungsreisen führten ihn nach Holland, England oder Frankreich. Einen Großteil seiner Forschungen stellte er aber in verschiedensten Regionen Schwedens an.
Besondere Bekanntheit hat er erlangt, nachdem er 1735 mit seinem ‚Systema Naturae‘ die Grundlagen für die Kategorisierung von Pflanzen und Tieren in der Biologie legte. Es unterteilt Organismen in Reich, Klasse, Ordnung, Familie, Gattung und Art.[1] Somit schuf von Linné ein einheitliches, hierarchisches System, in das alle Lebewesen auf der Welt eingeordnet werden können. Einen weiteren Meilenstein stellte 1753 das Werk ‚Species Plantarum‘ dar, in welchem er die ‚binäre Nomenklatur‘ umfassend vorstellte. In diesem „Doppelnamen-System“ erhält jede Pflanze (bzw. jedes Lebewesen) einen Vor- und einen Nachnamen. Dabei bezeichnet der erste Name die Gattung und der zweite die Art. Zudem werden alle Namen auf Latein angegeben.
Die Einheitlichkeit seiner Systeme stellte sicher, dass man sie auf der ganzen Welt nutzen und wissenschaftliche Erkenntnisse besser zusammenführen kann. Sie ist bis heute die Grundlage für die wissenschaftliche Benennung und Klassifizierung von Organismen.
1. Am Beispiel des Menschen sieht eine solche Ordnung so aus: Reich = Tiere (Animalia) -> Klasse: = Säugetiere (Mammalia) -> Ordnung = Primaten (Primates) -> Gattung = Homo -> Art = Homo sapiens
Ortsbezug
In Evershagen befindet sich die Carl-von-Linné-Straße. Sie hat ihren Namen 1971 erhalten, als die Straße erstmals bebaut wurde, und trägt ihn bis heute durchgängig. Zu jener Zeit wurde diese Entscheidung von der Stadtverordnetenversammlung getroffen, die allerdings stark von der SED-Kreisleitung Rostock beeinflusst war. Dass die Wahl auf von Linné fiel hängt sicherlich damit zusammen, dass im entsprechenden Viertel alle Straßen nach skandinavischen Persönlichkeiten aus Literatur und Wissenschaft benannt wurden. Während jedoch einige von ihnen (z.B. Rudolf Nilsen & Nic. Stang) 1992 durch andere Namen aus Skandinavien ausgetauscht wurden, hielt von Linné der Überprüfung seines Straßennamens stand. Höchstwahrscheinlich spielten weder 1971 noch 1992 koloniale Verbindungen dabei eine Rolle.

Kritische Einordnung
In seinem Ansinnen, alle Lebewesen in der Natur zu bestimmen und zu ordnen, machte von Linné auch vor dem Menschen nicht halt. Zwar war er davon überzeugt, dass sie zur selben Art gehören, trotzdem unterteilte er sie in verschiedene „Varietäten“. Im Gegensatz zur Pflanzenwelt verglich er sie aber nicht bloß nach äußerlichen Eigenschaften, sondern auch nach moralischen und charakterlichen. Seine physischen Beschreibungen verschwommen immer wieder mit denen zum Temperament oder Bräuchen verschiedener Völker. (vgl. Smedley 2025) Von Linné nahm an, dass charakterliche Unterschiede das Ergebnis von Klima und Bräuchen seien. So sei der africanus durch das heiße Wetter faul und nachlässig, dem europaeus attestierte er hingegen, „erfinderisch“ zu sein. (vgl. Windahl Pontén et. al. 2021) Das drückte sich auch in der Hierarchie aus, in die er die Varietäten einordnete. Zwar unterschied sie sich von einer Publikation zur nächsten, der africanus war trotzdem immer an letzter Stelle. (vgl. Windahl Pontén et. al. 2021)
In manchen seiner Publikationen listet von Linné auch „monstrosus“ und „ferus“ als weitere menschliche Varietäten. Erstere kann mit „der monströse Mensch“ übersetzt werden, womit etwa Riesen oder Menschen mit vielen Armen und Beinen gemeint gewesen sind. Letztere bedeutet etwa „der wilde/verwilderte Mensch“ und bezeichnet all jene, die angeblich ohne menschliche Erziehung aufgewachsen sind. (vgl. Smedley 2025) Die Tatsache, dass diese „Varietäten“ höchstens in Märchen und Reiseberichten existierten, sät Zweifel an der Seriosität der Quellen, die von Linné zur Beurteilung der nicht-weißen Menschen herangezogen hat.
Trotz allem kann von Linné nicht als „biologischer Rassist“ bezeichnet werden, weil er nicht davon ausging, dass die Biologie die unterschiedlichen charakterlichen Eigenschaften von Menschen beeinflusst – sondern äußere Lebensumstände. Dennoch muss man festhalten, dass sein „Systema Naturae“ die Grundlage für den wissenschaftlichen Rassismus gelegt hat, also die „wissenschaftliche“ Einteilung von Menschen in Kategorien der Über- und Unterlegenheit. Es ist ihm rückblickend zwar nicht anzulasten, was andere Gelehrte damit gemacht haben, in jedem Fall aber ist diese Praxis aus heutiger Sicht eindeutig rassistisch – und auch längst wissenschaftlich widerlegt. Der heute verbreitete Rassismus gründet im Wesentlichen auf dieser pseudowissenschaftlichen Vorarbeit. Carl von Linnés Erbe wurde sowohl zum Guten als auch zum Schlechten genutzt. Im Hinblick auf seine Ehrung durch einen Straßennamen in Evershagen gilt es, beides in Betracht zu ziehen.
Die Stadt Freiburg hat sich 2017 dazu entschlossen, die dortige Linnéstraße mit einem Ergänzungsschild in folgendem Wortlaut zu versehen: „Schwedischer Naturforscher und Begründer der biologischen Systematik, Vordenker einer biologistisch begründeten Geschlechterhierarchie und Rassenlehre.“ (vgl. Stadt Freiburg 2017)
Wen wollen wir ehren?
Sollten Denkmäler mit problematischen Hintergründen abgebaut werden oder auf Gedenktafeln eine kritische Auseinandersetzung stattfinden? Sollten Straßennamen umbenannt werden, zugunsten von Widerstandskämpfer*innen gegen den europäischen ?
Es gibt heute zahlreiche städtische Initiativen, die sich genau dafür einsetzen, z.B. wenn dort noch heute Kolonialherren geehrt werden – etwa in Berlin, Hamburg, oder Freiburg. Du kannst dich darüber informieren, diese Initiativen unterstützen oder überlegen, wie du beispielsweise selbst als Teil der Initiative Rostock Postkolonial Veränderungen anstoßen könntest.
Straßennamen-Memory
Hast du aufgepasst und kannst alle Straßennamen ihren Namensgeber*innen zuordnen?
Tipp: Unter der Kategorie „Straßennamen / Denkmäler“ findest du weitere Personen. (Werden aktuell noch ergänzt)
Quellen / Literaturangaben
Archiv der Hansestadt Rostock (1995): Lexikon Rostocker Straßennamen – Mit Angaben zum Bebauungszeitraum und einer Konkordanz für historische Straßennamen. Rostock: Schmidt-Römhild.
Smedley, Audrey (2025): scientific racism, in: Brittanica. URL: https://www.britannica.com/topic/scientific-racism?utm [Letzter Zugriff: 19.09.2025].
Stadt Freiburg (2017): Erläuterungsschild beschlossen: Linnéstraße, in: Stadt Freiburg. URL: https://www.freiburg.de/pb/site/Freiburg/node/1309907/zmdetail_14794301/index.html?nodeID=14794301 [Letzter Zugriff: 22.09.2025].
Windahl Pontén, Annika; Andersson Burnett, Linda; Hulth, Annica (2021): Linnaeus’ complicated relationship with racism, in: Uppsala Universitet. URL: https://www.uu.se/en/news/2021/2021-05-07-linnaeus-complicated-relationship-with-racism [Letzter Zugriff: 22.09.2025].
Bildquellen:
Roslin, Alexander (1775): Portrait of Carl Linnaeus. Wikimedia Commons. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Carl_von_Linn%C3%A9.png
Änderungshistorie
22.07.2026: Station erstellt, Autor*in: Rostock Postkolonial
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