Paul Pogge (1838-1884)

Bronzebüste von Paul Pogge im Rosengarten in Rostock. Der Sockel trägt die Inschrift "Paul Pogge, Afrika-Forscher, 1838 - 1884)"
Paul Pogge-Denkmal im Rosengarten in Rostock
(Foto: Darkone (2005), Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.5; Zuschnitt durch Autor)
8–12 Minuten

Nach welchen Kriterien werden Straßennamen vergeben? Wer bekommt ein Denkmal? In der Regel gilt, dass die zu ehrende Person besondere Verdienste vorweisen muss. Gleichzeitig signalisiert die Ehrung, nach welchen Werten und Normen die Stadt das Zusammenleben gestalten möchte. Denkmäler und Straßennamen schaffen einen Bezug zur (lokalen) Geschichte und sollen das kollektive Selbstverständnis der Stadtgemeinschaft widerspiegeln.

Weil sie uns also zeigen, an wem sich orientiert werden kann oder soll, erscheint es doch umso wichtiger zu wissen und auch kritisch zu hinterfragen: wer genau waren die geehrten Personen und wofür werden sie geehrt?

Allgemeines

Paul Pogge war ein Landwirt und Jurist aus Mecklenburg. Er wurde am 27. Dezember 1838 als Sohn eines bürgerlichen Gutsbesitzers in Zierstorf bei Teterow geboren. Seine Ausbildung erhielt er auf dem heimischen Hof, bevor es ihn ab 1858 für ein Jurastudium nach Berlin, Heidelberg und München verschlug. 1862 erhielt er seine Promotion in Rechtswissenschaften, bevor er zur Verwaltung des Familiensitzes in Mecklenburg zurückkehrte.

1864 trat Pogge die erste von drei sogenannten „Forschungsreisen“ zum afrikanischen Kontinent an – nicht, weil er dafür wissenschaftlich qualifiziert war, sondern weil er das Geld dazu besaß. Der neun Monate andauernde Jagdausflug führte ihn nach Kapland und Natal (heute Südafrika). 1874 heuerte Pogge bei einer Expedition der Afrika-Gesellschaft ins angolanische Loanda an. Er drang bis ins Lundareich des Herrschers Muata Jamwo im Süden der heutigen Republik Kongo vor und blieb dort vier Monate. Das Erreichen des Kongobeckens von Westen wurde Pogge als großen Erfolg anerkannt und veranlasste Bismarck zu weiteren großzügigen Zahlungen für die Forschungsziele der Afrikanischen Gesellschaft. Bis zu 140 Schwarze Träger waren Teil der Expedition, von der Pogge einheimische Gebrauchs- und Kunstgegenstände, zoologische und botanische Objekte sowie 18 Schädel mitbrachte, die er 1877 den königlich-preußischen Museen in Berlin übergab.

Die zweite Expedition ab 1880 wurde komplett von ihm geleitet und zunächst vom Rostocker Leutnant Hermann von Wissmann begleitet. Ziel war es, von der Westküste aus so weit wie möglich in das Innere des Kongo vorzudringen. 1882 erreichte man Nyangwe am Oberlauf des Kongo-Flusses. Auf dem Rückweg zur Küste ließ er zu Forschungszwecken eine Station in Mukenge errichten. Er wollte beweisen, dass es Möglich ist, als Weißer längere Zeit in Zentralafrika unabhängig von der Küstenzufuhr zu leben. Dies versuchte Pogge durch Pflanzenanbau und Kleintierzucht zu bewerkstelligen. Da Deutschland im Laufe seiner Reise selbst Kolonialmacht wurde, konzentrierten sich die Regierungsbemühungen zunehmend auf die „eigenen“ Kolonien – Pogge befand sich jedoch in der belgischen Einflusszone. Während er, von Berlin vernachlässigt, zwei Jahre lang auf weitere Finanzmittel hoffte, verschlechterte sich sein Gesundheitszustand. Im November 1883 trat er deshalb den Weg zurück zur Küste an, wo er am 17. März 1884 überraschend an einer Lungenentzündung verstarb. Paul Pogge genoss seinerzeit ein sehr hohes lokales und internationales Ansehen für seine zahlreichen Forschungsreisen. (vgl. Kreienbaum 2020, S. 1) Die Planze Encephalartos poggei trägt bis heute seinen Namen.

Ortsbezug

Am 19. September 1885, im Jahr nach Pogges Tod, wurde vor dem Ständehaus im Rosengarten eine Büste zu seinen Ehren aufgestellt. Initiatorin war die Afrikanische Gesellschaft, die ihn als ihren erfolgreichsten Reisenden betrachtete. Spenden mehrerer Bürger*innen (vgl. Kreienbaum 2020, S. 2f) haben es Bildhauer Ludwig Brunow (1843-1913) ermöglicht, diese Büste zu schaffen. Im Jahre 1901 wurde sie auf den Leibnitzplatz umgesetzt, da sie für ein Standbild des Großherzogs Friedrich Franz III. weichen musste. In den Zwanziger- oder Dreißigerjahren hat man den Sockel um Pogges Lebensdaten und die Inschrift „Afrikaforscher“ ergänzt. (vgl. Droß 1938, S. 436-450). Im Zuge des Systemwechsels 1945 wurde die Büste entfernt und später zerstört.

1995 schlug die Volksbank, auf Initiative der Ernst Alban-Gesellschaft, dem OB Dieter Schröder vor, der Stadt eine neue Pogge-Büste zu schenken. Nachdem dieser sich diverse Stellungnahmen einholte, u.a. von Stadtarchiv und Prof. Pogge-von-Strandmann (University College Oxford), nahm er das Geschenk an. Die PDS (Partei des Demokratischen Sozialismus) zweifelte unterdessen die Vertretbarkeit dieser Ehrung an. Sie verwies auf Pogges rassistisches Menschenbild (siehe nächstes Kapitel), was selbst die Bild-Zeitung am 14. Juni 1995 zu der Schlagzeile „Rostocks Stadtväter stellen Denkmal für Rassisten auf“ veranlasste. Dennoch stimmten die restlichen Bürgerschaftsfraktionen dem Vorgehen zu. Für sie schien der Fakt überwogen zu haben, dass „den Rostockern ein Stück ihrer städtischen Kultur zurückgegeben“ wurde. (Ostsee Zeitung 1995, S. 13)

Der Rostocker Bildhauer Jo Jastram (1928-2011) rekonstruierte schließlich Pogges Büste auf Grundlage alter Fotos. Sie wurde auf einen Granitsockel gesetzt, der die oben beschriebene Inschrift getragen hat. Die 2,76 Meter hohe Installation wurde am 10. September 1995 im Zentrum des Rosengartens eingeweiht.

Als 2020 die Pläne zur Umgestaltung des Rosengartens publik wurden, wandte sich die Initiative Rostock Postkolonial an das Kulturamt und drängte darauf, auch Pogges Denkmal grundsätzlich zu überdenken. Im Austausch mit diesem, sowie Jo Jastrams Tochter und Erbin Susanne Rast, wurde beschlossen, Pogges Büste zu versetzen. Der Hintergedanke war es, die Überhöhung der Person Pogge zu korrigieren. Sie steht seit 2022 nicht mehr zentral, sondern am Rande des Rosengartens. Zudem erhielt sie einen niedrigeren und schlichten Betonsockel. Die irreführende Inschrift „Afrikaforscher“ entfiel zugunsten einer, an der Seite angebrachten, Infotafel. Der Text wurde gemeinsam mit dem Kulturamt erarbeitet und thematisiert nun erstmals Pogges rassistische Überzeugungen und seine Rolle im deutschen Kolonialismus.

Kritische Einordnung

Lange Zeit war es nicht einfach, kritische Stimmen zum Lebenswerk von Paul Pogge zu finden.[1] Einige Veröffentlichungen und Initiativen preisen ihn und weisen Kritik entschieden ab: „In Verkennung seiner Verdienste wurde er als Vorbereiter des deutschen Kolonialismus diffamiert“, schrieb z.B. der lokale Heimatverein, der im Geburtshaus von Pogge bis in die 2020er-Jahre an ihn und andere Familienmitglieder erinnerte. (Poggehaus Zierstorf o.J.) Der Verein beschreibt Pogge als erfolgreich und unvoreingenommen in seinen Feldstudien. Hartmut Schmied, der schon 1995 zu den Initiator*innen des neuen Denkmals gehörte, erklärt Pogge zu einem wahrhaften Abenteurer voller Lebenslust, der sich insbesondere durch seinen wissenschaftlichen Anspruch ausgezeichnet habe. (Schmied 1999) Die Ostsee Zeitung betonte 1995 Pogges vermeintlich egalitär-toleranten Umgang mit „den […] Afrikanern“. (Ostsee Zeitung 1995, S. 13; Der Artikel gleicht im Wortlaut teilweise dem Text von Hartmut Schmied (vgl. Schmied 1999)) Gerne mahnen Pogges Fürsprecher*innen auch einen sensiblen Umgang mit dessen Erbe an, da ihm als einer von wenigen international bekannten Mecklenburgern eine Sonderrolle zukomme.

Viele von ihnen belassen es in ihren Nachforschungen dabei, das wiederzugeben, was Pogge selbst schreibt, teilweise mit dem gleichen Wortlaut. Dabei scheint es wenig Sensibilität dafür zu geben, dass solch eine Geschichtsschreibung leicht den Kolonialismus als heldenhaft zeichnet, ihn verklärt oder gar romantisiert.

Für ein umfassendes Geschichtsbild bedarf es einer kritischen Untersuchung, die gerade auch Pogges eigene Publikationen nicht außen vor lässt. Was genau waren seine Verdienste? Kann heute noch als Forschung bezeichnet werden, was damals über Afrika gedacht und niedergeschrieben wurde? Und haben die Expeditionsreisen der sogenannten „Afrikaforscher“ die Funktion innegehabt, auch den Weg für die deutschen Kolonien zu bereiten?

Schon auf den ersten Seiten des von Pogge veröffentlichten Tagebuchs über seine erste Expeditionsreise „Im Reiche des Muata Jamwo“ findet sich das folgende Zitat (Achtung Triggerwarnung!):

„Was den Charakter des N****s in Angola sowohl, als im übrigen Afrika betrifft, so kann der unparteiische Europäer denselben im Allgemeinen nur tadeln. Der N**** ist feige, faul, unzuverlässig, lügenhaft, liederlich, leichtsinnig, schlau und abergläubisch; er lügt, stiehlt und betrügt, wo er nur kann. Er lebt nur für die Gegenwart und denkt nicht an die Zukunft; er fühlt sich nur da wohl, wo er zu leben hat, kennt keinen Patriotismus, kein Heimweh, obwohl man zugestehen muss, dass die Bande der Verwandtschaft von ihm sehr respectiert werden, und die Verwandten in der Not fest zu einander halten.“ (Pogge 1880, S. 6.)

Europäer*innen leb(t)en in der Fiktion, unparteiisch über andere urteilen zu können. Sie hielten ihre eigene, begrenzte Kultur samt der recht jungen Nationalstaatsgeschichte für rational, vorausschauend und überlegen. Diese Aussage Pogges drückt die Überzeugung vieler seiner Zeitgenossen aus, dass es Rassen mit naturgegebenen Eigenschaften gebe, an deren Spitze der weiße Europäer stehe. In diesen Kontext lässt sich auch folgende Erklärung einordnen:

„Ich behaupte, dass es nicht angebracht ist, einen N**** gut zu behandeln. Denn je besser man mit ihm umgeht, desto unverschämter wird er, und wenn man ihm etwas gibt, will er alsbald mehr haben.“ (Paul Pogge zit. n. Pogge von Strandmann 2004, S. 451)

Der „wissenschaftliche Anspruch“, für den etwa Hartmut Schmied Pogge adelte (vgl. Schmied 1999), entspricht nicht im Ansatz dem, was heute als wissenschaftlicher Standard gilt. Er mag bei Pogge vielleicht der Botanik gegolten haben, keinesfalls aber dem Menschen.

Zum Thema Kolonisierung schreibt das Poggehaus Zierstorf: „Die Absicht Kolonien zu erwerben stand in dieser Zeit noch nicht auf der Tagesordnung“ und betont das bloße Interesse Pogges für die unbekannten Gebieten. (Poggehaus Zierstorf o.J.) Dabei schreibt dieser selbst über die durchreisten Gebiete, dass sie „einer Colonisierung wohl fähig“ seien. (Pogge 1880, S. 154) Sollten sich „selbstständige Colonisten und weisse Händler“ in Mussumba ansiedeln, dann „würde unzweifelhaft derjenigen Nation, welche die Initiative in der Erschliessung dieses schönen und gesegneten Landes ergriffen hat, auch der Hauptvortheil von der Ausbeutung seiner Schätze zufallen […]“. (Paul Pogge zit. n. Pogge von Strandmann 2004, S. 351) Die von Pogge nach Deutschland gebrachten Raubgüter[2] haben seine Ambitionen untermauert.

Paul Pogge teilte ein zutiefst rassistisches Menschenbild und verstand sich als Wegbereiter der Ausbeutung Afrikas durch die Europäer*innen. Zweifellos war er damit ein „Kind seiner Zeit“. Doch auch schon zu jener Zeit gab es Menschen, die dem Kolonialismus entgegengetreten sind, wie etwa der Rostocker Hans Paasche. Zudem leben wir nicht mehr in Pogges Zeit und sollten deshalb überdenken, ob die Gründe für Pogges damalige Ehrung heute noch relevant sind und Paul Pogge als Identifikationsfigur dienen sollte.

1. Zu den ersten gehörte ab Ende der 1990er-Jahre Beatrix Heintze, vgl. Heintze 2002 u. Heintze 2007, S. 303-325

2. Zwar kann es sich bei den kulturellen Artefakten sehr wohl um Geschenke gehandelt haben, aber die 18 Schädel hat man wahrscheinlich nur gewaltsam erwerben können.

Wen wollen wir ehren?

Sollten Denkmäler mit problematischen Hintergründen abgebaut werden oder auf Gedenktafeln eine kritische Auseinandersetzung stattfinden? Sollten Straßennamen umbenannt werden, zugunsten von Widerstandskämpfer*innen gegen den europäischen Kolonialismus?

Es gibt heute zahlreiche städtische Initiativen, die sich genau dafür einsetzen, z.B. wenn dort noch heute Kolonialherren geehrt werden – etwa in Berlin, Hamburg, oder Freiburg. Du kannst dich darüber informieren, diese Initiativen unterstützen oder überlegen, wie du beispielsweise selbst als Teil der Initiative Rostock Postkolonial Veränderungen anstoßen könntest.

Straßennamen-Memory

Hast du aufgepasst und kannst alle Straßennamen ihren Namensgeber*innen zuordnen?

Tipp: Unter der Kategorie „Straßennamen / Denkmäler“ findest du weitere Personen. (Werden aktuell noch ergänzt)

Weiterführende Links

Schaper, Ulrike; Lerp, Dörte (2025): Layers of Memory: Monuments, Memorials and the (De)Colonisation of Public Space in Germany, in: Journal of Modern European History, 23(3), S. 357-377. URL: https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/16118944251348775 [Letzter Zugriff: 10.10.2025].

Quellen / Literaturangaben

Droß, Friedrich (1938): Paul Pogge, ein mecklenburgischer Afrikaforscher. Teil I, in: Monatshefte für Mecklenburg 14/166, S. 436-450.

Heintze, Beatrix (2002): Afrikanische Pioniere: Trägerkarawanen im westlichen Zentralafrika (ca. 1850-1890). Frankfurt a. M.: Lembeck. URL: https://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/opus4/frontdoor/deliver/index/docId/11029/file/Heintze_Pioniere_2002.pdf [Letzter Zugriff: 01.02.2026].

Heintze, Beatrix (2007): Deutsche Forschungsreisende in Angola. Ethnographische Aneignungen zwischen Sklavenhandel, Kolonialismus und Wissenschaft (2. überarb. Aufl.). Frankfurt a. M.: Lembeck. URL: https://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/opus4/frontdoor/deliver/index/docId/11012/file/Heintze_Deutsche_Lembeck2_2007korrigUmschlag.pdf [Letzter Zugriff: 01.02.2026].

Kreienbaum, Jonas (2020): Gutachten zu Leben und Wirken von Paul Pogge. Unveröffentlichte Publikation.

Ostsee Zeitung (1995): Verlorene Kultur kommt zurück, 19. Juni 1995, S. 13.

Pogge von Strandmann, Hartmut (2004): Ins tiefste Afrika: Paul Pogge und seine präkolonialen Reisen ins südliche Kongobecken. Berlin: Trafo.

Pogge, Paul (1880): Im Reiche des Muata Jamwo. Tagebuch meiner im Auftrage der Deutschen Gesellschaft zur Erforschung Aequatorial-Afrika’s in die Lunda-Staaten unternommenen Reise. (Beiträge zur Entdeckungsgeschichte Afrika’s, 3), Berlin: Dieterich Reimer. Online einsehbar unter: https://www.google.de/books/edition/Im_Reiche_des_Muata_Jamwo/-VyvAAAAQBAJ?hl=de&gbpv=1 [Letzter Zugriff: 09.10.2025].

Poggehaus Zierstorf (o.J.): Der Afrikaforscher Paul Pogge, in: poggehaus-zierstorf.de. URL: http://www.poggehaus-zierstorf.de/?page_id=9 [Letzter Zugriff: 09.10.2025].

Schmied, Hartmut (1999): Paul-Pogge-Denkmal am Rosengarten, in: Cryptoneum. URL: https://www.cryptoneum.de/cryptoneum-legenden-museum/tycho-brahe-saal/paul-pogge-denkmal-am-rosengarten/ [Letzter Zugriff: 09.10.2025].

Bildquellen:

Darkone. (2005, August 17). Rostock Paul Pogge Denkmal [Photograph]. Wikimedia Commons. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rostock_Paul_Pogge_Denkmal.jpg

Änderungshistorie

08.02.2026: Station erstellt, Autor*in: Rostock Postkolonial

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Rosengarten, 18055 Rostock
Koordinaten
54.086230, 12.137300
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