Heinrich Schliemann (1822 – 1890) (Test, Inhalte ggf. nicht korrekt)

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Allgemeines

Johann Ludwig Heinrich Julius Schliemann wurde 1822 in Neubukow in Mecklenburg geboren. Er war das fünfte von neun Kindern des protestantischen Pfarrers Ernst Schliemann und seiner Frau Luise, geborene Bürger.

Ortsbezug

Heute erinnert in Mecklenburg-Vorpommern vieles an Heinrich Schliemann: In Neubukow befindet sich ein Museum, das seinem Leben und Werk gewidmet ist. In Rostock trägt eine Straße seinen Namen, und in Schwerin steht am Pfaffenteich eine Büste, die 1895 errichtet, 2011 gestohlen und 2012 durch einen Bronzeguss ersetzt wurde. Diese Erinnerungsorte zeugen von der anhaltenden Verehrung des Mannes, der sich selbst als „Entdecker Trojas“ verstand. Doch bei genauerem Hinsehen stellt sich die Frage, ob Schliemanns Ruhm nicht auch in einem Kontext von Kolonialismus, Ausbeutung und eurozentrischem Denken steht.

Kritische Einordnung

Globaler Handel und koloniale Verflechtungen
Schliemanns Weg zum Wohlstand begann 1846 in St. Petersburg. Dort machte er als Geschäftsmann Karriere – unter anderem mit dem blauen Farbstoff Indigo. Neben Indigo handelte er mit sogenannten „Kolonialwaren“ wie Tee, Kaffee und Tropenhölzern. Diese Waren stammten aus dem Globalen Süden und waren Teil eines internationalen Handelsnetzes, das stark auf Ausbeutung beruhte. Produkte wie Indigo, Zucker oder Kaffee waren eng mit Versklavung und kolonialer Herrschaft verknüpft. Schliemanns wirtschaftlicher Erfolg war also indirekt auch mit den Erträgen aus kolonialen Strukturen verbunden – Strukturen, in denen Menschen aus Afrika, Asien oder Südamerika unter Zwang und Gewalt arbeiteten, um den Reichtum Europas zu mehren.
1851 zog es Schliemann in die Vereinigten Staaten, wo er in der Goldgräberstadt Sacramento eine Bank gründete. Der Goldrausch, der zu dieser Zeit den Westen Amerikas prägte, hatte weitreichende koloniale Folgen: Die rasante Besiedlung des Landes führte zur Vertreibung und Vernichtung indigener Gemeinschaften. Auch hier profitierte Schliemann von einem Prozess, der in erster Linie auf Landnahme und Ausbeutung basierte.
Während des Krimkriegs (1853–1856) lieferte Schliemann große Mengen an Schießpulver und anderen Kriegsmaterialien an das Russische Reich. Ein Drittel des russischen Schießpulvers soll aus seinen Lieferungen stammen. Dieser Handel brachte ihm ein Vermögen ein. Bis 1864 gehörte Schliemann zu den reichsten Männern Europas.

Archäologie – vom Reichtum zur Aneignung
Sein Ruhm als Archäologe begann durch einen Zufall. In der Türkei traf Schliemann auf den britischen Forscher Frank Calvert, der sich seit Jahren mit der Suche nach Troja beschäftigte. Calvert besaß Land auf dem Hügel Hisarlik, dem vermuteten Ort der antiken Stadt, doch fehlte ihm das Geld für systematische Grabungen. Schliemann griff die Idee auf – getrieben von dem Wunsch, den Schauplatz des Trojanischen Kriegs zu entdecken, den er aus Homers Ilias kannte.
Calvert riet ihm, sich gründlich vorzubereiten und eine Grabungserlaubnis einzuholen. Doch Schliemann handelte eigenmächtig. 1869 ließ er sich in Athen nieder und heiratete die 17-jährige Griechin Sophia Engastroménos. Im Jahr 1870 begann er mit ersten, noch unerlaubten Grabungen auf Hisarlik, die zehn Tage dauerten. Ab 1871 starteten die offiziellen Arbeiten.
Seine Grabungsmethoden gelten aus heutiger Sicht als unprofessionell und zerstörerisch. Schliemann ließ eine breite Schneise quer durch den Hügel treiben, wodurch er viele archäologische Schichten unwiederbringlich zerstörte. 1873 entdeckte er schließlich einen Goldfund, den er als „Schatz des Priamos“ bezeichnete – nach dem legendären König Trojas.
Schliemann schrieb später: „Um den Schatz der Habsucht meiner Arbeiter zu entziehen und ihn für die Wissenschaft zu retten, war die allergrößte Eile nötig.“ In Wahrheit schmuggelte er viele Fundstücke aus der Türkei nach Griechenland, entgegen geltender Gesetze. Heute gilt als gesichert, dass der sogenannte Priamos-Schatz aus einer ganz anderen Zeitepoche stammt als das mythische Troja. Zudem verursachten seine Eingriffe an der Ausgrabungsstätte irreversible Schäden.
Die Plattform Turkish Archaeological News fasst das so zusammen:„Heute sind sich Wissenschaftler einig, dass Schliemanns Ausgrabungen die Schicht des ‚echten Troja‘ zerstörten, jener Stadt, die in die Zeit des legendären Trojanischen Krieges datiert werden kann. Ironischerweise vollendete Schliemann mit seinen Ausgrabungen das Ziel der Griechen, Troja zu zerstören, indem er die Stadtmauern dem Erdboden gleichmachte.“

Wissenschaft und Macht – ein koloniales Erbe
Schliemanns Vorgehen war typisch für die europäische Wissenschaft des 19. Jahrhunderts: Forscher aus dem „Westen“ sahen sich als Entdecker und Besitzer einer Welt, die ihnen kulturell und materiell offenstand. Archäologische Funde wurden nicht als Teil des kulturellen Erbes anderer Gesellschaften betrachtet, sondern als wissenschaftliche Beute.
Dieses Denken ist Ausdruck des Eurozentrismus – einer Perspektive, die Europa und die sogenannte „westliche Welt“ als Maßstab für Fortschritt, Vernunft und Kultur setzt. Alle anderen Regionen der Welt werden in diesem Blickfeld als „anders“, „rückständig“ oder „noch nicht entwickelt“ beschrieben.
Eurozentrismus bedeutet, dass Geschichte und Wissen oft aus einer europäischen Perspektive erzählt werden. Im Fall Schliemanns wird deutlich, wie eng wissenschaftliche Neugier, wirtschaftliches Interesse und koloniale Denkmuster miteinander verflochten waren. Der Reichtum, die Mobilität und die Macht, die Schliemann zur Verfügung standen, waren Produkte einer Zeit, in der Europa global dominierte – politisch, militärisch und kulturell.
Wie es in der Forschung heißt:„Eurozentrismus beschreibt eine Perspektive auf globale Verhältnisse, die Europa bzw. die als ‚westliche Welt‘ markierten Gesellschaften als Norm setzt, an der alle anderen Gesellschaften gemessen werden.“(Digoh & Golly 2015, in: Marmer/Sow, Wie Rassismus aus Schulbüchern spricht, Beltz-Verlag)

Erinnerungskultur in Mecklenburg-Vorpommern

Die Denkmäler und Straßennamen, die in Mecklenburg-Vorpommern an Schliemann erinnern, sind Teil einer breiteren europäischen Erinnerungskultur, die Forscher und Entdecker des 19. Jahrhunderts häufig unkritisch glorifiziert. Das Denkmal am Pfaffenteich in Schwerin, die Schliemann-Schule oder das Museum in Neubukow tragen seinen Namen, ohne dass immer deutlich wird, welche kolonialen und ethischen Fragen mit seiner Biografie verbunden sind.
Eine postkoloniale Perspektive auf Schliemann bedeutet, diese Ehrungen zu hinterfragen: Welche Werte und Geschichten werden hier erinnert – und welche werden verschwiegen? Wird Schliemann als „Held der Wissenschaft“ gefeiert, ohne seine Rolle in einem kolonialen Machtgefüge zu reflektieren?
Die Diskussion über Denkmäler wie das von Schliemann reiht sich in eine größere gesellschaftliche Debatte ein. Überall in Deutschland – von Hamburg bis Berlin, von Rostock bis München – werden derzeit historische Figuren und ihre kolonialen Verstrickungen neu bewertet. Auch in Mecklenburg-Vorpommern stellt sich die Frage, wie Erinnerung in Zukunft gestaltet werden kann, wenn man den Anspruch ernst nimmt, koloniale Perspektiven sichtbar zu machen.

Fazit

Schliemanns Beispiel fordert uns heraus, über die eigene Erinnerungskultur nachzudenken: Wie können wir Geschichte so erzählen, dass sie gerecht wird – den Erfolgen wie den Schattenseiten, den Leistungen wie den Verlusten? Und was bedeutet es für unsere Gegenwart, wenn wir beginnen, Denkmäler und Namen nicht nur als Ehrungen, sondern auch als Ausdruck einer bestimmten Weltanschauung zu lesen?
Die Auseinandersetzung mit solchen Biografien eröffnet die Möglichkeit, Geschichte nicht nur als Abfolge heroischer Taten zu sehen, sondern als komplexes Netz von Macht, Wissen und Verantwortung. Globales Lernen – also eine Bildung, die Zusammenhänge zwischen Nord und Süd, Vergangenheit und Gegenwart beleuchtet – kann hier ansetzen. Denn nur wer die kolonialen Spuren in der eigenen Geschichte erkennt, kann globale Gerechtigkeit im Heute verstehen.